In den frühen Morgenstunden ist selbst eine Großstadt wie Montréal noch in den Schleier der Nacht gehüllt, alles wirkt gedämpft, gefiltert durch milchiges Glas, zugedeckt von einer Schicht frischen Schnees. Nur einzelne Schatten, Nachtschwärmer oder Frühdienstler huschen über die ansonsten menschenleeren Straßen. Es ist eine belebende Mischung aus Entschleunigung, Innehalten und dem Gefühl eines neuen Anfangs. Der Tag nimmt langsam Anlauf.

Julien Coquentin lebte zwei Jahre mit seiner Familie in Montréal und fotografierte die Stadt rastlos. Sein Antrieb war die Idee, ein poetisches, fotografisches Tagebuch der Straßen, Nachbarschaften, Häuserschluchten zusammenzustellen. Nachts arbeitete er in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses, wenn seine Schicht endete, zog er es vor, zu Fuß den Weg nach Hause einzuschlagen, um diese besondere Stimmung aufzusaugen. Der Schnee, der die breiten Boulevards bedeckte und die Eiseskälte, die jeden Geruch hinwegnahm, erinnerten ihn an seine jugendliche Vorstellung von Amerika.

Den Titel der Serie und des aus diesen Bildern entstandenen Bildbands hat er sich bei Edward Hopper geliehen: „tôt un dimanche matin“, also „Früh an einem Sonntagmorgen“. Zum einen, weil Hoppers gleichnamiges Gemälde von 1930 ihn berührt, zum anderen, weil der Sonntag ein besonderer Tag für ihn ist: “A day to my peculiar sense, a silence in the measurement, a little death .”

Alle Bilder © Julien Coquentin/VOZ’Image

 

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