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Jul
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Offener Brief an Günther Lachmann zu seiner Kritik an der #EheFürAlle

Wie jeden Morgen, beginne ich meinen Tag mit einer Tasse Tee auf dem Balkon, den Laptop auf meinem Schoß und informiere mich über Nachrichten zum Thema LGBTI*. „Die “Homo-Ehe” ist ein Widerspruch in sich”, ein Beitrag des Journalisten und Buchautors Günther Lachmann, verantwortlicher Redakteur für Politik bei der “Welt”-Gruppe, erregt meine Aufmerksamkeit. Seriös erscheint dieser Artikel auf den ersten Blick, mit seinen üblichen Floskeln die die Gegner der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland, immer wieder vorbringen. Bereits nach den ersten Zeilen, beginnt mein Lieblingstee sein Aroma zu verlieren. Mein anfängliches Schmunzeln über seine Ausführungen zum Begriff Ehe, weicht einem Gefühl der Wut, dass ich verspüre, wenn ich Menschen z.B. in der U-Bahn verachtend über das Thema Homosexualität sprechen höre. Normalerweise würde ich in so einer Situation meinem Gegenüber sehr offen entgegentreten. Der Artikel von Herrn Lachmann gibt mir diese Möglichkeit nicht. Daher habe ich mich entschieden, in einem offenen Brief zu antworten.


Das ist mein offener Brief an Günther Lachmann zu seiner Kritik an der “Homo- Ehe” oder  wie ich es nenne der „Fortpflanzungsauftrag“ als Recht – eine Reliquie aus vergangener Zeit.

Sehr geehrter Herr Lachmann,

ich möchte zu allererst bemerken, dass ich eine offene Debatte über die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland begrüße. In der Hoffnung mit Ihnen eine zielführende Diskussion beginnen zu können, widme ich mich nun also ihrer Argumentation, die ihrer Meinung nach, gegen eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, steht. Sie schreiben: “Die Ehe ist das Ergebnis einer Hochzeit zweier Menschen.“ Vielen Dank für diese Erkenntnis. Zwei Menschen. Das Wort Mensch ist übrigens in seiner Bedeutung unabhängig vom Geschlecht.

Die christliche Kirche hat ihre theologische Ideologie auf dem europäischen Kontinent und in weiten Teilen der Welt über knapp zweitausend Jahre verbreitet. Die Geschichte der Ehe hingegen, ist wesentlich älter und diverser als die Ein-Mann-eine-Frau-Ehe Ihrer theologischen Auslegung. Polygynie und Polyandrie waren und sind in den meisten Religionen dieser Welt noch immer gang und gebe. Selbst das Judentum und der Islam haben Polygamie praktiziert – praktizieren diese teilweise noch bis heute. Auch manche christliche Richtungen, wie die der Mormonen, haben die Vielehe praktiziert. Und wir vergessen bitte auch nicht die Vielehen der alttestamentarischen Patriarchen wie Jakob, Abraham, David oder König Salomo! Die Ehe also als eine in ihrer Bedeutung feststehende Konstellation von einer Frau und einem Mann zu bezeichnen, ist absurd.

Herr Lachmann, gehe ich recht in der Annahme, dass Begriffe für sie in Stein gemeißelte, unveränderbare Institutionen unseres Sprachgebrauchs sind?

Betrachten wir anhand von zwei Beispielen, wie fest verankert  Begrifflichkeit in unserem Sprachgebrauch ist: Die Bezeichnung Gatte hat ihren Ursprung im 12. Jahrhundert als “gleichgestellter, ebenbürtiger Genosse” und wurde über die Jahrhunderte im Sprachgebrauch in vielen Bereichen, wie zum Beispiel dem Handel für die Einordnung von Waren und auch der Bezeichnung für Eheleute, in abgewandelter Form verwendet. Der Ursprung des Wortes Familie kommt vom lateinischen Begriff „familia” (die Hausgemeinschaft), abgeleitet von lat. „famulus“ (der Haussklave). Das Wort bezeichnete ursprünglich nicht die heutige Familie (Eltern und deren Kinder), sondern den Besitz eines Mannes. Die Begrifflichkeit eines Wortes ist dem Wandel der Zeit unterlegen. Die Verwendung und Zuordnung ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Ohne Veränderungen in der Verwendung von Begriffen würde die Weiterentwicklung einer Gesellschaft stagnieren, denn die Sprache ist die wichtigste Art der Kommunikation unter Menschen. Aber all diese semantischen Begriffszierereien können die wichtigste Tatsache nicht verdecken: Die Zivilehe ist keine religiöse Institution.

Die Trennung von Kirche und Staat war ein Meilenstein für unsere Gesellschaft. „In Deutschland gilt heute die sogenannte obligatorische Zivilehe. Damit ist gemeint, dass staatliche Instanzen nur diejenigen als Eheleute betrachten, die entsprechend den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches („standesamtlich“) geheiratet haben. Eine Ehe die ausschließlich nach dem Sakrament der Kirche geschlossen wurde, gilt vor dem Gesetzgeber demnach nicht.“ Jeder Versuch ihrerseits, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare auf Grund religiöser Argumentation zu verhindern, erledigt sich somit von selbst.

Mit der Ablehnung religiöser Argumente meinerseits aus besagten Gründen und aus Gründen der Gleichbehandlung aller Weltanschauungen in Deutschland  (zwei Drittel der Bevölkerung sind konfessionslos oder gehören einer nicht-christlichen Weltanschauung an), verbleiben noch ihre biologistischen Argumente. Machen wir es kurz: An die Schließung eines obligatorischen Zivilehevertrages ist kein „Fortpflanzungsauftrag“ gebunden.

Keine Ehe ohne Fortpflanzung?

Der von Ihnen beschriebene, mit der obligatorischen Zivilehe einhergehende „Fortpflanzungsauftrag“ ist ein Widerspruch in sich. Gemischtgeschlechtliche Paare, bei denen auf Grund biologischer Gegebenheiten, die Frau oder der Mann, unfruchtbar bzw. zeugungsunfähig sind, kinderlose gemischtgeschlechtliche Paare, die keinen eigenen Kinderwunsch hegen und gemischtgeschlechtliche Paare, die auf Grund ihres Alters biologisch nicht mehr in der Lage sind,  gemeinsame Kinder zu zeugen, müssen nach ihrer Argumentation von der Ehe ausgeschlossen werden, denn sie erfüllen den von ihnen im Zusammenhang mit der Ehe, erforderlichen „Fortpflanzungsauftrag“ nicht. Möchten Sie meiner 64-jährigen Mutter das Recht auf eine obligatorische Zivilehe mit ihrem Lebenspartner verwehren? Schon an so einem einfachen Beispiel zerbricht Ihre Argumentation des “Fortpflanzungsauftrags”.

Können homosexuelle Menschen Kinder zeugen? – Ja!

Homosexualität an sich schließt eine Zeugung von Kindern nicht aus. Für die Zeugung von Kindern zwischen einer Frau und einem Mann ist eine obligatorische Zivilehe keine Voraussetzung. Homosexuelle Frauen und Männer sind, insofern nicht unfruchtbar bzw. zeugungsunfähig, biologisch uneingeschränkt absolut in der Lage, Kinder zu zeugen. Hier verweise ich zum Beispiel auf die künstlichen Befruchtung und die Tatsache, dass diese Art der Zeugung seit Jahren, auch von gemischtgeschlechtlichen Paaren, erfolgreich praktiziert wird.

Fehlen Kindern in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft sowohl weibliche, als auch männliche Bezugspersonen? – Nein!

Kinder brauchen „männliche“ und „weibliche“ Bezugspersonen. Obwohl diese These für die Entwicklung eines Kindes nicht bewiesen ist, wachsen Kinder nicht in einem luftleeren Raum auf. Im „Idealfall“ haben Kinder, unabhängig von der Konstellation „Mutter-Vater-Kind“, sowohl männliche als auch weibliche Bezugspersonen. Die Großmutter, der Großvater, die Schwester, der Bruder, die Lebenspartnerin, der Lebenspartner, dass alles sind Beispiele männlicher und weiblicher Bezugspersonen. Sie unterstellen somit gleichgeschlechtlichen Paaren und allein erziehenden Vätern und Müttern, ihren Kindern Bezugspersonen des anderen Geschlechts vorzuenthalten.

Ich danke Ihnen für die Ausführung, dass gleichgeschlechtliche Paare die Möglichkeit haben, für Kinder „Gutes“ zu tun. Herr Lachmann, ob Sie es glauben oder nicht: Das machen sie bereits als Pat*innen und Pflegeeltern, engagierte Ehrenamtler*innen und in ihren Berufen als Lehrer*innen, Erzieher*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen…. Sie sind aber auch Eltern ihrer eigenen Kinder, leben in Mehrgenerationenhäusern, unterstützen ihre alleinerziehenden Freund*innen, ihre Eltern und Familienangehörige. Sie alle leben Familie.

Wie wird Familie heute definiert?

Spätestens seit dem Wandel der Gesellschaft und der Überwindung der über Jahrhunderte festverankerten Moralvorstellungen der christlichen Glaubenslehre in den späten siebziger Jahren, sind auch andere Lebens- und Familienmodelle gesellschaftlich anerkannt. Der Begriff der Familie ist vielfältiger geworden und hier liegt der Knackpunkt. Familie ist eine Gemeinschaft von Menschen und die Betonung liegt hier wieder auf dem Wort „Mensch“. Füreinander zu sorgen und positive wie negative Erlebnisse miteinander zu teilen, Kinder zu erziehen und gemeinsam alt zu werden – dieses Recht ist nicht allein in der Verbindung zwischen Mann und Frau und der Zeugung von leiblichen Kindern begründet. Sie stoßen mit ihrer Argumentation nicht nur gleichgeschlechtliche Paare vor den Kopf, nein sie negieren auch die Familienfähigkeit von allein erziehende Vätern und Müttern, Pflege- und Adoptionsfamilien, homosexuellen Eltern, Patchworkfamilien, getrennt lebenden Paaren, wiederverheirateten Paaren und nichtehelichen Lebensgemeinschaften. In allen diesen Formen des Zusammenlebens werden Kinder liebevoll erzogen und Generationen versorgt. Sie alle leben eine Form der Familie, die Anschluss an die Gegenwart gefunden hat.

Ist das deutsche Grundgesetz unabhängig vom Wandel der Zeit? – Nein!

Den Anschluss des Gesetzgebers an die Lebensrealität der Bürger*innen zu verlieren, liegt nicht im Interesse eines Landes, das sein Grundgesetz auf der Basis von moralischen und gesellschaftlichen Normen der 50er Jahre im Nachkriegs-Deutschland entwickelt hat. 1994 wurde der Artikel 3, Absatz 2, des Deutschen Grundgesetzes wie folgt geändert: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Außerdem Artikel 3, Absatz 3: „Niemand darf auf Grund seiner Behinderung benachteiligt werden“.

Bis 2001 hieß es im Artikel 12a, Frauen „dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten“. Seit der Änderung im Soldatengesetz heißt es:  “Frauen dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden“. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unterlag seit 1949 über 60 Änderungen. Wenn gesellschaftliche Veränderungen also keinen Einfluss auf die Gesetzgebung hätten, so würden wir heute noch mit den Gesetzen des Mittelalters leben. Oder, auf die Ursprungsfassung des Grundgesetzes bezogen, müssten Ehefrauen immer noch um die Erlaubnis ihrer Ehemänner bitten, wenn sie arbeiten gehen wollten. Als meine Mutter meinen Vater heiratete, entsprach genau dies der Gesetzeslage! Kupplerparagraph, Beischlafverpflichtung von verheirateten Frauen, Strafverfolgung von Homosexuellen – Herr Lachmann, möchten Sie diese absurden Gesetze zurück?

Ist die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein Widerspruch in sich? – Nein!

Die Öffnung der gleichgeschlechtlichen Ehe bildet für die Zukunft der obligatorischen Zivilehe eine wichtige Stütze und mindert diese auch nicht. Das Deutsche Lebenspartnerschaftsgesetz hingegen, schließt gleichgeschlechtliche Paare von der Möglichkeit aus, gemeinsam ihre eigenen oder adoptierte Kinder, gleichberechtigt zu erziehen. Weiterhin werden gleichgeschlechtliche Paare vor ihren Arbeitgeber*innen und bei Amtsgeschäften zwangsgeoutet, indem der Begriff „verpartnert“, auf Grund der deutschen Gesetzeslage, automatisch mit Homosexualität gleichgesetzt wird. Gleichgeschlechtliche Paare fordern von der Deutschen Bundesregierung das Recht auf Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Das gleiche Recht, das auch gemischtgeschlechtlichen Paaren zugestanden wird. Das Recht auf Anerkennung ihrer natürlichen Liebe und der Verbindung durch die obligatorische Zivilehe und auf das uneingeschränkte Adoptionsrecht.

Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass ich ihre Meinung zur Öffnung der obligatorischen Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare toleriere, denn es ist ihre ganz persönliche Meinung. Akzeptieren kann ich sie hingegen nicht.

Darum noch einmal in aller Deutlichkeit: Die obligatorische Zivilehe ist ein Fürsorge- und Verantwortungsvertrag zwischen dem Staat (nicht der Kirche) und zwei Menschen. Die beiden Menschen erklären sich bereit, in Notsituationen füreinander zu sorgen, damit das nicht der Staat übernehmen muss. Dafür erhalten die beiden Eheleute im Gegenzug einige Sonderrechte. Das ist die Ehe. Mit einer Öffnung der obligatorischen Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare ändert sich an diesem Grundsatz nichts. Niemandem wird etwas weggenommen. Im Gegenteil: Es wird nur gleichbehandelt, was gleich zu behandeln ist!

Die Verbindung zwischen zwei erwachsenen Menschen, mittels einer obligatorischen Zivilehe, egal ob gleichgeschlechtlich oder gemischtgeschlechtlich, unterliegt keinem „Fortpflanzungsauftrag“. Sie unterliegt einzig und allein der Liebe, der Fürsorge, der gemeinsamen Verantwortung und dem Gesetz – und vor dem sind alle Menschen gleich.

Mit freundlichen Grüßen

Sebastian Groß
Aktivist und Mensch

Über die Person Günther Lachmann

Günter Lachmann 2015.jpg
Von Metropolico.org – File:Günter Lachmann und Frauke Petry2015.jpg, https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/16303229599, CC BY-SA 2.0, Link

“Lachmann war u.a. Politik-Redakteur bei Bild und ab 2001 Leiter der Seite drei (Politik) bzw. stellvertretender Leiter der Parlamentsredaktion der Welt am Sonntag. Er arbeitet als gelegentlicher Kolumnist für Deutschlandradio Kultur und MDR Kultur. Bis zu seiner Entlassung im Februar 2016 war er Chefreporter bei Welt Online und der Welt-Gruppe. Er war dort unter anderem für die Berichterstattung über die Partei Alternative für Deutschland (AfD) zuständig. Stefan Aust begründete Lachmanns Entlassung mit „unredlichem Verhalten“. Die Junge Freiheit hatte kurz zuvor E-Mails von Lachmann an den Pressesprecher Marcus Pretzells veröffentlicht, aus denen hervorgehen soll, dass Lachmann ein Konzept für eine Neuausrichtung der AfD geschrieben habe. Marcus Pretzell, AfD-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalens, vermutet außerdem, Lachmann habe besonders kritisch über die AfD berichtet, nachdem die Vorsitzende Frauke Petry Lachmanns Angebot, als Honorarberater für sie zu arbeiten, abgelehnt hatte. Lachmann bestritt die Vorwürfe umgehend. Der frühere AfD-Vorsitzende Bernd Lucke versicherte an Eides statt, dass Lachmann sich, anders als von Pretzell behauptet, während seiner Zeit als AfD-Chef niemals in irgendeiner Weise angeboten hätte. In einem Arbeitsgerichtsverfahren musste die Welt die fristlose Kündigung zurücknehmen. Beide Seiten einigten sich auf eine einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses zum Juni 2016. Eine dreimonatige interne Untersuchung bei der Welt gegen Lachmann, die belegen sollte, dass dieser seine journalistische Unabhängigkeit gegenüber der AfD aufgegeben habe, fand für diesen Vorwurf keinerlei Belege. Im Gegenteil heißt es im Abschlussbericht, dass Lachmann „keineswegs unkritisch über die AfD berichtet hat“. Im August 2016 wurde bekannt, dass Lachmann die Thüringer AfD-Fraktion, deren Vorsitzender Björn Höcke ist, in Fragen der strategischen Kommunikation berät.”

Quelle: Wikipedia

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