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Feb
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“HIV heilbar?” oder “Vorsicht vor falscher Hoffnung” – Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Hendrik Streeck

Deutsche Forscher haben eine molekulare Schere entwickelt, die Aids-Viren-Information aus dem menschlichen Erbgut herausschneiden kann. Sie sprechen von “Heilung”. Bis zur Therapie am Menschen werden aber noch Jahre vergehen.

Ist HIV bald heilbar? Der EiE-HIV-Experte Prof. Dr. med. Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für HIV Forschung am Universitätsklinikum Essen, Universität Duisburg-Essen. Er schreibt einen Gastbeitrag für EiE, den er auch auf seiner Facebookseite veröffentlicht hat.

“Auf der wichtigsten HIV Konferenz, die sich mit HIV Heilung und Therapiemöglichkeiten beschäftigt und dieses Jahr in Boston stattfindet, überraschten mich Nachrichten von Freunden und Bekannten, dass die deutsche Presse melde, es sei „deutschen Forschern gelungen HIV bald heilen zu können und dass es ernstzunehmende „Hoffnung “ gibt.

Komisch, dachte ich mir, warum weiss hier keiner davon? Man würde doch denken, dass für solche Neuigkeiten das Konferenzprogramm umgestellt werden würde? Jedoch gibt es keinen einzigen Beitrag darüber. Was wurde also gefunden, was in Deutschland Wellen schlägt, aber in der HIV Wissenschaftswelt nicht viel Beachtung findet?

In dem in „Nature Biotechnology“ veröffentlichten Artikel von Karpinski und Kollegen wurde ein System vorgestellt, wodurch HIV spezifisch aus infizierten Zellen wieder herausgeschnitten wurde. Dies ist erstmal kein Novum.
Die gleiche Arbeitsgruppe hatte in 2007 ein ähnliches sogenanntes „Rekombinase“ System vorgestellt, was spezifisch HIV aus Zellen herausschneiden kann (Sarkar et al Science 2007). Darüberhinaus sind mehrere andere Systeme bekannt, die ähnliches tun: wie zum Beispiel die „zinc finger nuclease“, das „transcription activator-like effector nuclease (TALEN) system oder das CrisprCas System. Alle vier Systeme sind genetische Techniken mit deren Hilfe HIV potentiell aus infizierten Zellen entfernt werden kann und dies auch in Versuchen im Labor durchgeführt wird.

Was macht also das neue System von Karpinski so besonders? Was sind die Neuheiten und was die Probleme dieses Systems?

Positiv zu bewerten ist:
1.) Das verbesserte System erkennt viele verschiedene HIV Isolate und ist dadurch nicht an ein bestimmtes HI Virus gebunden.
2.) Sie konnten zeigen, dass es auch HIV in menschlichen Zellen erkennt.

Problematisch ist:
1.) Es handelt sich um Gentechnik.
2.) Zellen müssen aus dem Körper entfernt und gentechnisch verändert werden und wieder in den Patienten infundiert werden. Es können aber nicht alle HIV infizierten Zellen aus dem Körper genommen werden und der Prozess der gentechnischen Veränderung einer Zelle „stresst“ die Zelle, die dadurch eher abstirbt.
3.) Es können nur maximal 90% der HIV infizierten Zellen in der Petrischale erkannt werden. Eine einzelne infizierte Zelle reicht aber aus um HIV wieder erwachen zu lassen. Auch eine Heilung von 99,999999% der Zellen im Menschen wäre nicht genug. Es müssen 100% sein.
4.) Es birgt die Gefahr, dass sogenannte Onkogene aktiviert werden und sich dadurch Krebs bildet.
Es ist also ohne Frage wissenschaftlich eine interessante Studie, jedoch weit davon entfernt, dass man von „Hoffnung auf Heilung“ sprechen kann. Mehr noch, man weiss nicht, ob dies je praktische Anwendung im Menschen aufgrund der genannten Gefahren finden kann. Zuletzt gibt es erhebliche Zweifel der Effektivität beim Menschen.

Es ist daher nicht nur unverantwortlich sondern auch besorgniserregend wenn „Der Spiegel“, die „Berliner Morgenpost“ und viele andere Nachrichten von „Hoffnung auf Heilung“ sprechen ohne dies in den Kontext der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu setzen. Es obliegt der journalistischen Verantwortung falsche Hoffnung zu unterbinden. Jede Erweckung einer nicht auf Fakten basierten Zuversicht trägt weiter zu einer gefährlichen Desinformation bei, dass HIV heilbar ist und daher auf Schutz verzichtet werden könnte.”


Zur Person: Prof. Dr. med. Hendrik Streeck absolvierte seine medizinische Ausbildung an der Charite in Berlin und promovierte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Von 2006-2009 absolvierte er einen Postdoctoral Fellowship am Partner AIDS Research Center und war Assistenzprofessor an der Ragon Institute of MGH, MIT und Harvard sowie Assistant Immunologist am Massachusetts General Hospital. Im Jahr 2012 wurde er zum Leiter der Zelluläre Immunologie des US Military HIV Research Program (MHRP) berufen und war außerplanmässiger Assistenzprofessor für ‚Emerging Infectious Diseases‘ an der Uniformed Services University of Health Sciences in Washington D.C. Im März 2015 folgte er den Ruf der W3 Professur der Universität Duisburg-Essen und leitet seitdem das Instituts für HIV-Forschung. Er verbleibt Berater für das MHRP in HIV-Impfstoff- Forschungs- und Heilungsfragen. 2009 erhielt er den “Deutschen AIDS Preis”  der Deutschen AIDS Gesellschaft.

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