01
Jul
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Die Selbstverständlichkeit des Seins oder wie mich Olly verzaubert hat

Wenn ich morgens aufstehe, um die aktuellsten Nachrichten aus der LGBTI-Welt zu sichten, dann ist das natürlich nicht der Job, der meine Miete finanziert. Die Initiative ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! ist für uns alle im Team ein Ehrenamt. Eine Berufung, zu der nur wir uns selbst berufen haben. Und eines der spannendsten Projekte, an denen ich je beteiligt war. Aber, ich verdiene kein Geld damit. Ich bin selbständiger Grafikdesigner und Social-Media-Berater und außerdem Flugbegleiter bei Lufthansa. Seit über 12 Jahren. Ich serviere Euch den Kaffee (“Cream? Sugar?”) am Morgen nach einem 11-Stunden-Nachtflug. Oder den Cappuccino mit Croissant auf dem Tablett – direkt ans Bett! Je nach Buchungsklasse…

Diesmal ging es nach San Francisco. Ich liebe diese Stadt. Sie symbolisiert für mich die Homo-Bewegung schlechthin. Die Menschen sind freundlich. Manchmal schon zu freundlich für einen Berliner. Die Sonne scheint und die ganze Stadt hängt voller Regenbogenfahnen.

Nicht, dass mein Aktionismus soweit geht, dass ich meine Lieblingsstadt an der Masse der Regenbogenfahnen auserkoren hätte. Nein. Die Pride Weeks sind gestartet und sie hängen jetzt noch gehäufter als sonst. Diese Stadt ist ohnehin schon bunt, queer und lässig. Und nun hängen da hunderte Fahnen und selbst die Shoppingcenter sind  in Regenbogenfarben dekoriert. In den Pride Weeks setzt auch der Einzelhandel verstärkt auf die Anziehungskraft von Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Lila. Tausende Touristen. Man ist stolz auf seine Stadt.

Es ist diese Selbstverständlichkeit, mit der hier mit Homosexuellen und Trans*Menschen umgegangen wird. Es ist die Wunschvorstellung aus den Priscilla-Filmen, es ist eine fühlbare Normalität. Lesbische Pärchen gehen Hand in Hand spazieren und ein älteres schwules Paar knutscht auf der Parkbank neben der Vogel fütternden Oma. Alles völlig normal. Und dabei mag ich das Wort gar nicht. Aber das fühlt sich für mich normal an.

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Und normalerweise habe ich dieses Gefühl auch nicht so gehäuft. Außer ich bin mit meinen Freunden unterwegs und fühle mich dadurch wohl, treffe Menschen, die ich liebe, besuche meine Familie.

Aber in der Welt da draußen, abseits von Menschen, die zu meinem Alltag gehören, erlebe ich auch weiterhin täglich Ablehnung, Verwunderung, Diskussionen ohne Einsicht oder – was noch am einfachsten ist, um seine Lebenszeit nicht unnötig zu vergeuden, die volle Gesprächsverweigerung. Das kennen alle. Besonders im beruflichen Alltag.

Ich bin Flugbegleiter. Es gibt wohl kaum einen Job, der klischeebehafteter ist, als meiner. Und als schwuler Mann? Unnötig, dies weiter auszuführen. Mein Team besteht zu knapp 70% aus Frauen. Der Rest in der Kabine sind Männer, davon mit ziemlicher Sicherheit mindestens 20% Heteros.

Eigentlich kann ich mit so ziemlich jeder und jedem gut zusammenarbeiten. Obwohl: “Die Langsamen” und “die Faulen” – die ertrage ich nicht. Aber die große und überwiegende Mehrheit sind wunderbare Kollegen. Flugbegleiter gelten als aufgeschlossen, tolerant und weltoffen. Eigenschaften, die uns Flugbegleiter alle vereinen. Und deshalb klappt die Zusammenarbeit, sich völlig fremder Menschen, als bunt zusammengewürfeltes Team auch so perfekt. Wir wissen exakt, was wir wann und wie zu tun haben. Ob es ein Feueralarm ist und eine 85-jährige Oma, die mir auf dem Weg zur Bordküche in die Arme fällt. Oder beides gleichzeitig. Wir wissen, was zu tun ist. Erstens lernen wir es und zweitens, weil es nach einem bestimmten Prinzip abläuft. Das Prinzip von Prioritäten und Listen. Von Rollenverteilung und Aufgabengebieten. Von Vertrauen und Teamgeist. Nur darum geht es. Wir sorgen für die Sicherheit von hunderten von Menschen an Bord.

Wir kennen uns meistens nicht, lernen uns auf jedem Flug neu kennen. Und natürlich redet man dann auch über Privates. Über die Liebe daheim und welche Hobbys der andere hat. Schließlich arbeitet man mitunter Tage miteinander und ist – eingesperrt in einer fliegenden Röhre – in der Welt unterwegs.

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Wenn ich gefragt werde, was ich in meiner Freizeit mache, kommt automatisch ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! zur Sprache. Die Reaktionen reichen von stark interessiert bis zu völligem Desinteresse à la Und-was-hat-das-jetzt-mit-mir-zu-tun? Der größte Teil der weiblichen Kolleginnen ist angenehm aufgeschlossen, interessiert und leben mit völliger Akzeptanz gegenüber jedem Menschen mit sich im Einklang. Kommen heterosexuelle Kollegen zum Gespräch dazu, ist Folgendes zu beobachten: Der heterosexuelle Mann erfasst blitzschnell den Kontext und ich muss doch immer wieder stauen, wie bemüht sich fast alle praktisch dazu verpflichtet fühlen zu verkünden, sie hätten auch mindestens eine lesbische Tante oder einen besten schwulen Freund. O-ha! Hört, hört! Dann folgen die unschönen Themen: “In über 70 Länder werden Homosexuelle diskriminiert? Wow! Todesstrafe? Echt? Krass!” Die Infobroschüre schon in der Hand. Die ganze Wahrheit – kompakt serviert. Bitteschön. Das Interesse steigt. Fragen beantworten ist enorm wichtig. Noch wichtiger aber, sind Fragen zu stellen. Das tun aber die wenigsten…

Das Thema erschreckt sie, es ist nicht ihr Alltag. Verständlich, sie leben in ihrer heteronormativen Welt, wo Lesben lediglich nackt in eindeutigen Posen über dem Laptop-Bildschirm im Hotelzimmer flimmern und Schwule höchstens in Gestalt ihrer Kollegen vorkommen. Sie haben Anlaufschwierigkeiten, sich in eine andere Lebenssituation einzufühlen. In fast jede andere klappt es perfekt, jeder Gast wird bedient und umsorgt. Jedes Bedürfnis wird bestmöglich gestillt, jeder Wunsch dem Gast von den Augen abgelesen. Aber sich in einen homosexuellen Menschen und seine Ängste, Probleme und seinen Alltag zu versetzen, das fällt den meisten sichtlich schwer. Ausnahmen haben die Regel.

Diesmal erlebte ich mit meinem (heterosexuellen männlichen) Kollegen wieder eine dieser angenehmen Ausnahmen. Olly, 50, Kumpeltyp, Berliner, hetero. Aufgeschlossen, empathisch, witzig. Für mich ein rundum angenehmer Mensch. Er ist interessiert an meinem Ehrenamt. Interessiert an meiner Person, was ich bei der Initiative genau tue und wie es dazu gekommen ist. Und er nennt mich “Süßer”. Ja, ich musste auch zweimal hinhören. Ein heterosexueller Mann mit Freundin und Kind nennt mich Süßer. Und es fühlt sich normal an. So wie das “Schatz” bei meinen besten schwulen Freunden.

Und er meint es nicht albern oder lustig. Er meint es. Und er meint es ernst. Er ist liebe- und achtungsvoll im Umgang mit mir. Er ist diskriminierungsfrei im Gespräch. Redet wie selbstständig von “deinem Mann” und gibt mir mein Gefühl von Akzeptanz für mein Lebensmodell. Es ist ein Gefühl, eine Ahnung, wie es wäre…

Wie es wäre, wenn es keine Homophobie mehr gäbe? Wenn alle Menschen respektvoll miteinander umgingen? Es ist ein Gefühl, dass ich leider noch immer viel zu selten verspüre. Ja okay, da ist mein Bruder – der ist da natürlich voll bei mir, weiß wie man mit seinem schwulen Bruder redet, ihm zuhört oder auch eine diskriminierungsfreie Antwort gibt. Aber selten treffe ich einen Hetero-Mann, bei dem ich das Gefühl der Zugehörigkeit, der Aufmerksamkeit und des ehrlichen Interesses verspüre. Es ist ein tolles Gefühl, wenn ich mit einem heterosexuellen Mann reden kann, ohne mich für irgendetwas erklären zu müssen. Es ist für einen kurzen Moment so, als wäre ich im Jahr 2050.

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Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass Wir in 35 Jahren über das heute manchmal noch sehr homophobe Verhalten Vieler, den Kopf schütteln werden. Aber das ist natürlich nur meine Vorstellung. Das komische an dieser Vorstellung ist lediglich der Fakt, dass ich dann bereits 70 Jahre alt bin. Warum sollte es eigentlich solange dauern? Keine Ahnung, ich habe einfach nur diese Zahl im Kopf. Aber 70 ist ein tolles Alter und man ist 2050 sicherlich auch anders 70 als heute. Und: ich würde mit 70 wahrscheinlich auch gern in San Francisco leben. Denn ich liebe diese Stadt. Von mir aus, können wir aber auch alle sofort anfangen, einander uneingeschränkt zu akzeptieren und zu respektieren. Ich wäre dann soweit.

Nach 4 Stunden Spaziergang durch San Francisco bin ich kaputt. Wer jemals von der Lombard Street bis runter zur Market Street gelaufen ist, weiß, was ich meine. Die Regenbogenfahnen wehen und ich bin glücklich, dieses Privileg zu haben, durch die Welt zu fliegen. Die Menschen in San Francisco lächeln permanent und ich weiß nie, ob es am erhöhten Graskonsum in Kalifornien liegt oder ob sie einfach nur überfreundlich sind. Und plötzlich treffe ich Olly wieder. Eine herzliche Begrüßung, als ob wir uns schon ewig kennen. Wir reden über den CSD in Berlin, über die frühere Bewegung in San Francisco und warum diese Stadt so tolerant ist. Über Regenbogenfahnen und warum die Amerikaner es “Pride Parade” nennen. Die Pride Weeks starteten natürlich bereits auch bei uns in Deutschland.

Nach 48 Stunden Aufenthalt geht es wieder nach Hause. Am Freitag steht für mich und meine Mitstreiter*innen der CSD Köln und sein Straßenfest auf dem Plan. Die Wochenenden danach sind wir in Berlin, Cottbus, Gießen usw… Und eines werde ich  dort immer wieder ganz besonders spüren: Herzlichkeit. Menschen, die mich anlächeln. Die sich für unsere Arbeit bei ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! bedanken. Die uns ungefragt unterstützen. Menschen, die helfen, obwohl sie selbst nur wenig Zeit haben. Menschen, die schlicht und ergreifend an die Sache glauben und etwas Gutes tun möchten. Die mir am Ende des Tages erneut ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und darauf freue ich mich in diesem Sommer wieder ganz besonders.

Es kommt übrigens selten vor, dass ich mich stark über etwas wundere. So ziemlich alles was passiert, schockt mich nicht oder versetzt mich in Erstaunen. Ich bin leicht zu begeistern, doch nur schwer zu beeindrucken. Olly sagt, wir Schwule und Lesben sind eine Bereicherung. Er fühlt sich ernster genommen. Er erzieht seinen Sohn zu Akzeptanz und Respekt. Und dies auch als Trainer einer Jugendmannschaft. “Man muss bei den Kids beginnen. Sie sind unsere Zukunft. Ich finde das enorm wichtig, Süßer!” erklärt er mir und ich frage mich, warum nicht die ganze Welt so sein kann…

Olly hat mich mit seiner Art und Weise verzaubert. Vor allem aber mit seinem Wesen und seiner Aufgeschlossenheit stark beeindruckt. Für mich ein ganz besonders nachhaltiger Moment.

Wenn wir endlich alle an diesem Punkt angekommen sind, dass wir uns, unabhängig unserer sexuellen Identität, einander achten und respektvoll behandeln, dann haben wir wohl ein weiteres großes Ziel erreicht. Und noch dazu eines, das sich richtig lohnt, wie ich finde. Ich wünsche uns allen ganz viele dieser wunderbaren Momente.

HAPPY PRIDE!

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