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Jan
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“Die Bedeutung der Eltern im Coming-out-Prozess” oder “Wie sie als Eltern ihrem Kind helfen können”

Die Bedeutung der Eltern im Coming-out-Prozess von homosexuellen Frauen • Eine Bachelorarbeit von Julia Rosenbaum und Lisa Kostmann

Knapp zwei Drittel der Familien nehmen das Coming-out ihres Kindes nicht ernst, so das jüngste Ergebnis des Bundesfamilienministeriums (vgl. Krell & Oldemeier 2015). Dies kann insbesondere für junge Menschen verheerende Folgen haben, gehört die Familie doch zu einem „[…] Lebensbereich, den sich Jugendliche nicht aussuchen und aus dem sie sich nur schwer zurückziehen können.“ (ebd.). Dabei kann die Ignoranz der Eltern für homosexuelle Frauen besonders bedeutungsschwer werden, da ihnen auch in der Gesellschaft noch immer die nötige Beachtung fehlt und sie meist „unsichtbar“ bleiben (vgl. BZgA 2013).

Trotz der wachsenden Akzeptanz gegenüber Homosexualität in der Bevölkerung (vgl. Rauchfleisch 2011, S. 11 f.), gehört das Coming-out noch immer zu den größten Herausforderungen im Leben homosexueller Menschen. Insbesondere die Öffnung vor den Eltern ist dabei für viele Betroffene ein besonderes Thema (vgl. BZgA 2013), da die Eltern meist zu den wichtigsten Bezugspersonen im Leben eines Menschen gehören (vgl. BZgA 2004, S. 23). Dort wo Schwierigkeiten oder Unsicherheiten bei den Betroffenen oder deren Eltern entstehen, kann die Soziale Arbeit greifen und zur Unterstützung beitragen, um so bei der Vermeidung beziehungsweise Bewältigung der Probleme mitzuwirken (vgl. Mühlum 2011, S. 773). Neben professionellen Hilfsangeboten, können jedoch auch die Eltern eine stützende Funktion für Betroffene haben (vgl. BZgA 2004, S. 43), weist die allgemeine Vielschichtigkeit ihrer Rollen und Funktionen im Leben ihres Kindes (vgl. Kobs 2009, S. 177) doch auf eine große Relevanz im Coming-out-Prozess hin. Um ihre Bedeutsamkeit näher zu beleuchten, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Frage:

“Inwieweit können Eltern zu einem gelungenen Coming-out-Prozess ihres Kindes beitragen?”

Zur Beantwortung der Fragestellung wurden, im Rahmen einer qualitativen Untersuchung, Interviews mit homosexuellen Frauen und Eltern von Betroffenen durchgeführt. Im Laufe des theoretischen Teils wurde ersichtlich, welche Bedeutung das innere und äußere Coming-out für homosexuelle Menschen hat und welche Herausforderungen sich im Laufe des Coming-out- Prozesses ergeben können. Weiterhin konnte festgestellt werden, welche bedeutende Rolle die Eltern im Leben ihrer Kinder einnehmen und weshalb das Coming-out vor ihnen von besonderer Relevanz ist. Während der theoretischen Ausarbeitung wurden hinsichtlich der erkenntnisleitenden Fragestellung bereits einige Ergebnisse aus der Literatur gezogen, welche im Rahmen der Untersuchung bestätigt und erweitert werden konnten. Dabei wurde insbesondere die hohe Einflussnahme der Eltern auf die verschiedenen Phasen des Coming-outs deutlich.

Bereits in den frühen Kindheitsjahren spielen sie eine entscheidende Rolle im Leben ihres Kindes. Ihre Werte- und Moralvorstellungen bilden die Basis ihrer Erziehung und somit auch ihres Umgangs mit dem Thema Sexualität. Sollten ihre Vorstellungen der Homosexualität zuwider laufen und sie beispielsweise starr an Geschlechtsrollenstereotypen festhalten, kann der Coming-out-Prozess des Kindes behindert oder gar verhindert werden, was wiederrum zu großen Konflikten mit der Selbstakzeptanz führen kann. Insbesondere wenn im Leben der Familie das Thema Religion eine große Rolle spielt, kann der Coming-out-Prozess der Betroffenen zusätzlich erschwert werden. Daher sollten Eltern möglichst offen mit ihrer Religion umgehen, ihren Kindern ihre Freiheiten lassen und ihnen einen liebenden Gott nahebringen. Damit die Betroffenen ihre Homosexualität leichter in ihre Identität aufnehmen können, ist es zudem hilfreich, wenn die Eltern bereits in der Kindheit eine generelle Toleranz und Akzeptanz gegenüber den, in der Gesellschaft, auftretenden Diversitäten vermitteln. Weiterhin können Eltern durch die frühe und offene Aufklärung ihres Kindes zu einem gelungenen Coming-out-Prozess beitragen. Dadurch können, insbesondere bei einem frühen inneren Coming-out, Unsicherheiten stark vermindert werden, da das Thema Sexualität und Homosexualität nichts Unbekanntes für die Betroffenen ist. Zudem lernt das Kind durch den aufgeschlossenen Umgang der Eltern, dass auch intime Themen kein Tabu in der Familie sind und sie mit ihnen offen kommunizieren können.

Einen ebenso großen Einfluss auf den Verlauf des Coming-out-Prozesses hat die bestehende Eltern-Kind-Beziehung. Eine gute Beziehung kann Sicherheit und Vertrauen geben, wodurch die Erwartung einer positiven Reaktion der Eltern gestützt wird und sich die Betroffenen meist früher und mit weniger Ängsten ihnen gegenüber öffnen. Somit kann der Leidensweg zwischen innerem und äußerem Coming-out deutlich verkürzt werden. Festzuhalten ist allerdings auch, dass eine positive Eltern- Kind-Beziehung kein Garant für eine positive Reaktion der Eltern ist. Hilfreich ist jedoch, wenn sich die Eltern schon vor dem Coming-out mit der Vielfältigkeit der Sexualität des Menschen auseinandergesetzt haben und es bereits Berührungspunkte mit dem Thema Homosexualität gab. Dadurch können Eltern für das Thema sensibilisiert werden und eventuell bestehende Vorurteile abbauen. Insbesondere wenn Unsicherheiten bezüglich der sexuellen Orientierung des Kindes aufkommen, sollten sich Eltern über verschiedene Wege informieren oder gegebenenfalls eine Beratungsstelle aufsuchen. So können sie von Beginn an den Prozess, in dem sich ihr Kind befindet, nachvollziehen und begleiten. Dennoch sollten Eltern sensibel und rücksichtsvoll mit dem Thema umgehen und das Coming-out der Tochter achtsam abwarten. Sie können zwar ihre Offenheit signalisieren, sollten das Kind jedoch nicht drängen. Nach dem Coming-out der Tochter spielt der Zuspruch der Unterstützung eine besonders große Rolle. Auch wenn die Homosexualität des Kindes eine Überraschung ist und die Eltern zunächst enttäuscht sind, ist es wichtig offen über die bestehenden Ängste und Sorgen zu reden und dem Kind bewusst Fragen zu stellen, anstatt das Thema zu ignorieren.

Die Reaktion der Eltern auf das Coming-out hat nicht nur kurzfristige Auswirkungen. Häufig beeinflusst sie die Eltern-Kind- Beziehung, ob positiv oder negativ, auch nachhaltig und bestimmt so das zukünftige Familienleben. Daher sollten sich Eltern ihre Bedenken offen zugestehen und gegebenenfalls Hilfsangebote in Anspruch nehmen, um Unterstützung für ihren Verarbeitungsprozess zu erhalten. Durch eine akzeptierende Haltung der Eltern erfahren Kinder meist ganz unbewusst die größte Unterstützung. Insbesondere die Akzeptanz der Partnerinnen und deren Einbindung in das Familienleben spielt dabei eine entscheidende Rolle für die Betroffenen. Dennoch ist es zudem hilfreich, wenn Eltern ihre Kinder im weiteren Verlauf ihrer Homosexualität aktiv unterstützen. Sie können, insbesondere in der frühen Jugendphase, bei der Suche nach homosexuellen Kontakten helfen, sie zu spezifischen Veranstaltungen begleiten oder ihnen lesbische Vorbilder aufzeigen. Zudem sollten Eltern auch nach dem Coming-out offene Gespräche mit ihrem Kind suchen und aktiv deren Sorgen und Belastungen erfragen, um so zur Unterstützung beitragen zu können. Besonders engagierte Eltern können sich zudem aktiv für die Rechte und gegen die Diskriminierung von homosexuellen Menschen einsetzen und so ihrem Kind langfristig zu einem besseren Leben verhelfen. Insgesamt sollten Eltern offen und selbstbewusst mit der Homosexualität ihres Kindes umgehen, sich dabei jedoch zu jeder Zeit mit ihrem Kind austauschen und keine von dem Kind gesetzte Grenze überschreiten. Der Rückhalt in der Familie kann den Betroffenen ein Leben lang als sichere Basis dienen, aus der sie Kraft und Stärke ziehen können. Frau H. fasst die Bedeutung der Eltern für homosexuelle Frauen wie folgt zusammen:

„Die Eltern haben den größten Einfluss auf den Verlauf des Coming-out- Prozesses ihres Kindes.“

 

Eine Bachelorarbeit zur Erlangung des akademischen Grades „Bachelor of Arts“ (B.A.) an der Fakultät Soziale Arbeit: “Die Bedeutung der Eltern im Coming-out-Prozess von homosexuellen Frauen” • Autorinnen: Julia Rosenbaum und Lisa Kostmann • Wir bedanken uns für die Erlaubnis zur Veröffentlichung


 

Literatur

BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2004): Heterosexuell? Homosexuell? Sexuelle Orientierungen und Coming- out…verstehen, akzeptieren, leben. Köln: o.V..

BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2013): Heterosexuell? Homosexuell? Sexuelle Orientierungen und Coming-out verstehen, akzeptieren, leben. Online im Internet: http://www.bzga.de/botmed_13080000.html vom 29.11.2015.

Krell, C./ Oldemeier, K. (2015): Coming-out – und dann…? Ein DJI- Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Online im Internet: http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/DJI_Brosch%C3%BCre_ComingOut.pdf vom 10.11.2015.

Kobs, J. (2009): >> Ich muss euch etwas sagen…! << Das Coming-out gegenüber den Eltern. In: Watzlawik, M. / Heine, N. (Hrsg.): Sexuelle Orientierungen. Weg vom Denken in Schubladen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 165 – 205.

Mühlum, A. (2011): Sozialarbeit/Sozialpädagogik. In: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg.): Fachlexikon der Sozialen Arbeit. 7. Auflage. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. S. 773 – 777.

Rauchfleisch, U. (2011): Schwule, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


 

 


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